Hochfest PATRONA BAVARIAE
- Vermächtnis des Hauses Wittelsbach

Prälat E. H. R i t t e r, Regensburg
1. Mai: Hochfest PATRONA BAVARIAE
- Vermächtnis des Hauses Wittelsbach

Bayern besitzt, neben Ungarn, Polen und Portugal, das außerordentliche Privileg, die Allerseligste Jungfrau und Gottesmutter Maria als Hauptpatronin des Landes verehren zu dürfen. Alljährlich feiert die Katholische Kirche in Bayern am 1. Mai das Hochfest PATRONA BAVARIAE. Am 14. Mai 1917 wurde es zum erstenmal landesweit von Kirche, Königshaus und Volk feierlich begangen.
Die Proklamation der Gottesmutter als Hauptpatronin Bayerns geht auf die Jahre 1615/16 zurück. Damals ließ der fromme Wittelsbacher, Kurfürst Maximilan l. (1597 bis 1634), der zurecht den Beinamen „der Große" und ebenso „der Katholische" verdient, als Herzstück der Außenfassade seiner Residenz in München, die überlebensgroße Marienstatue mit dem Christuskind auf dem Arm anbringen. Sie ist ein Werk des Weilheimer Künstlers Hans Krumper (um 1570-1634). Auf dem Sockel des prächtigen Standbildes ließ Maximilian die Inschrift „PATRONA BOIARIAE" einmeißeln. Damit hatte er das geläufige Motiv der Hausmadonna an seinem neuen Stadtschloß zu einem Staatssymbol erhoben. Er, der sich als Diener der Gottesmutter betrachtete, wollte dadurch seinem Volk kundtun: Maria ist die Schutzherrin, die himmlische Herrscherin über Volk und Land der Bayern. Mit der Errichtung der Mariensäule auf dem Hauptplatz Münchens zum Dank für die Rettung der Städte München und Landshut vor der Zerstörung durch die Schweden im Dreißigjährigen Krieg, setzte er einen weiteren Markstein für die Verehrung Mariens als Patronin Bayerns.

Die Mariensäule in München
Das gewaltige Säulenmonument wurde gekrönt mit der herrlichen Statue der Madonna mit dem Kind, geschaffen von dem Künstler Hubert Gerhard im Jahre 1594.
Mitten in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges, am 7. November 1638, wurde die Säule im Beisein des Kurfürsten, der Geistlichkeit und lausender Gläubiger feierlich eingeweiht. Maximilian hatte mit Bedacht diesen Tag gewählt, denn an ihm fand alljährlich die große Dank- und Gedächtnisprozession für den Sieg am Weißen Berg bei Prag (1620) statt. Die bewußt prunkvolle und deshalb auch einprägsame Einweihung der Mariensäule löste beim Volk große Begeisterung aus, und die Verehrung Mariens als Patronin Bayerns verbreitete und vertiefte sich rasch im ganzen Land. Damit wurde die Mariensäule, neben dem bayerischen Nationalheiligtum Altötting, Mittelpunkt und Hort der marianischen Frömmigkeit. Kurfürst Maximilian legte damit das Fundament für die Einführung des Hochfestes PATRONA BAVARIAE.
Doch es fehlte noch die päpstliche Bestätigung für das Patronat der Gottesmutter. Sie zu erwirken war dem bayerischen König Ludwig III. (1845-1921) vorbehalten. Bayern, das 1400-jährige „Marianische Reich", wie es in einer Urkunde des Heiligen Stuhls genannt wird, verdankt dieses Privileg dem großen Friedenspapst BenediktXV.(1914-1922).
König Ludwig III. und seine Gemahlin Maria Therese, während des Ersten Weltkriegs zur Ohnmacht gegenüber dem deutschen Kaiser Wilhelm II., der drohenden Haltung seiner obersten Heeresleitung (Hindenburg, Ludendorff) und der deutschnationalen Reichsregierung verurteilt, übergaben in dieser Situation sich selber, ihr Volk und Land der Gottesmutter. In ihre mütterliche Hände legte der König, gleich seinem Vorfahren Maximilian l., nach 300 Jahren neuerlich die Gegenwart und Zukunft seines Landes.

Papst Benedikt XV. bestätigt das Patronat
Gleich einem Hohenpriester auf königlichem Thron hatte Ludwig III. bereits fünf Jahre zuvor seine Bayern zum kindlichen Vertrauen auf Mariens schirmende Macht und mütterliche Güte aufgerufen, als er bei der Grundsteinlegung der Basilika St. Anna in Altötting, die er gestiftet hatte, im Jahre 1911 sagte: „Auch ich habe Sorgen und Kummer und ich habe sie niedergelegt vor dem Muttergottesbild in der heiligen Kapelle. Wir alle sind Zeugen, was hier im Laufe der Jahrhunderte durch die Fürbitte der allerseligsten Jungfrau Maria erreicht worden ist und wie sie die Bitten vieler schwerbeladener Menschen erfüllt."
Im Jahre 1916 befanden sich breite Bevölkerungsschichten in einer schwierigen Notsituation. Sie hatten nicht nur die schweren Lasten, die der Erste Weltkrieg mit sich brachte, zu tragen, sondern litten auch unter der zunehmenden Lebensmittelknappheit. Da Bayern als Agrarstaat die übrigen Länder des Reiches mitversorgen mußte, wuchs im Volk die Abneigung gegen die Reichsregierung, die zu keinem Friedensschluß bereit war.
Am 8. April 1916, also vor 90 Jahren, wandte sich König Ludwig an Papst Benedikt XV. mit der Bitte, er möge die Gottesmutter offiziell zur Hauptpatronin Bayerns erklären und die Feier eines eigenen Festes gestatten. Der Papst wußte um die Tradition der großen Marienverehrung in Bayern und ebenso um die vatikanfreundliche Politik des Monarchen. Deshalb gewährte er gern diese Bitte. Bereits am 12. Mai 1916 schrieb die Apostolische Nuntiatur Bayerns, daß seine „Heiligkeit dem allerhöchsten Wunsche Seiner Majestät des Königs entsprechend, die seligste Jungfrau offiziell zur PATRONA BAVARIAE erhoben und für immer ihr zu Ehren ein eigenes Fest am 14. Mai für das Königreich Bayern bewilligt habe."
Noch am selben Tag traf auch das Dekret der römischen Ritenkongregation ein, wonach der Tag als ein Fest erster Klasse mit Oktav, mit einem besonderen Brevieroffizium und einem eigenen Meßformular gefeiert werden konnte. Da die liturgischen Texte erst einer Prüfung bedurften, konnte das Hochfest PATRONA BAVARIAE erstmals am 14. Mai 1917 in allen Diözesen Bayerns begangen werden. Mit Rücksicht auf die Belastungen des Ersten Weltkriegs wurden die äußerlichen Feiern mit Genehmigung des Heiligen Stuhls auf den darauffolgenden Sonntag, den 20. Mai, verlegt.

Heilstheologische Bedeutung des Festes
Heilstheologisch betrachtet war die Einführung bzw. die Proklamation Mariens als Hauptpatronin Bayerns mit päpstlicher Genehmigung ein ganz großes Ereignis, das in allen Geschichtsbüchern doppelt unterstrichen werden mußte. Die Schutzherrschaft der Mutter des Herrn bedeutet eine außergewöhnliche Auszeichnung. Kraft seiner Vollgewalt (suprema auctoritate sua) hat Papst Benedikt XV. Maria ausdrücklich zur Hauptpatronin Bayerns erklärt und ihr alle Ehrenbezeigungen und Privilegien, die nach Rechtsgebrauch den Schutzpatronen eines Landes gebühren, zugewiesen. Damit hat der Stellvertreter Christi auf Erden das Land dem Schutz und Schirm der Gottesmutter anvertraut. Wahrlich ein Vorgang von ungeheurer Tragweite, durch den eine neue Zuordnung Mariens zu Bayern ausgelöst wurde, der freilich auch eine neue Hinwendung des bayerischen Volkes zu seiner Schutzfrau hätte entsprechen müssen. Diese ist aber leider bis heute noch immer nicht in dem Maße erfolgt, wie es wünschenswert wäre.
Seither sind 90 Jahre vergangen, und ein neues Jahrtausend ist angebrochen. Damit ist dieser Rückblick angebracht. Heuer können wir außerdem das 200-jährige Jubiläum der Errichtung des Königreiches Bayern begehen. 1806 war aus dem altbayerischen Kurfürstentum ein souveränes Königreich geworden, vergrößert durch Franken und Teile Schwabens, also ein Mittelstaat, der sich zwischen den mächtigen Ländern Österreich und Preußen behaupten mußte. Nach dem Sieg Preußens 1866 über die mit Österreich verbündeten Bayern sowie durch die ungewollte Teilnahme am Krieg 1870/71 hat Bayern durch den Druck Preußens seine Souveränität verloren und mußte sich dem neuen Reich als Mitglied einordnen.
Wenngleich die Revolution von 1918/19, angezettelt durch hauptsächlich nichtbayerische Linkssozialisten, Bayern seines Königs beraubt hat und unser Land während der NS-Zeit zur Provinz degradiert wurde, hat die PATRONA BAVARIAE dennoch immer wieder ihre schützende Hand über Volk und Land gehalten. Ich bin überzeugt, daß es das Vertrauen in die Fürsprache Mariens war, das dem Rätesystem 1918/19 ein rasches Ende bereitete und 1945 den russischen Truppen an der Nord- und Ostgrenze Bayerns Halt geboten hat.

Rückkehr zu den Wurzeln
In einer 1400-jährigen Tradition stehend, haben wir nach dem Zweiten Weltkrieg und der grauenvollen NS-Zeit noch einmal das Geschenk eines neuen Staates als kostbares Gut für die Zukunft erhalten. Auch dies danken wir gewiß der Fürbitte Mariens, die uns als Schutzherrin stets die Treue gehalten hat.

Aber hier müssen wir uns fragen: Wie steht es mit unserer Treue, die wir ihr schulden? Besinnen wir uns und stellen wir uns die Frage, welche Bedeutung die PATRONA BAVARIAE heute in unserem privaten und öffentlichen Leben noch einnimmt? Ich fürchte, die Antwort wird nicht befriedigend ausfallen.
Allzuviele haben in unserem Land mutwillig und leichtsinnig das Traditionsbewußtsein verkürzt oder verstümmelt, die Jugend in ihrem Glaubens- und Geschichtsbewußtsein ausgehungert. Damit haben sie das Klima christlicher Moral untergraben, das 1400 Jahre die Grundlage unseres Lebens und Volkstums geprägt hat.
Bayern wird aber nur dann Bestand haben, wenn es zu den Wurzeln zurückkehrt und sich wieder der Bedeutung der Schutzherrschaft Mariens bewußt wird, sie verehrt und sich vor allem ihrer würdig erweist. Es scheint mir notwendig, die Verehrung der PATRONA BAVARIAE gleichsam zum Staatsprogramm zu erheben. Es würde uns Bayern sowohl in religiöser wie vaterländisch-heimatlicher und menschlicher Hinsicht zusammenschweißen. Damit könnte der Bedrohung von außen und innen gemeinsam begegnet werden und die Existenz des bayerischen Volkes, seiner Kultur und Umwelt gesichert werden.
Für Maria gab es kein anderes Gesetz der Lebensgestaltung als Jesus Christus, sein Wort und sein Beispiel. Dies muß auch für uns seine Gültigkeit haben.
 
An der ewigen Weisheit Gottes, nicht an flüchtigen Tagesmeinungen, müssen sich Politik, Gesetzgebung und Staatsführung, Handel und Wandel, Wissenschaft und Volksbildung orientieren. 
Wir verehren Maria mit Recht als „Sitz der Weisheit"; wenden wir uns doch in allen Lebenslagen an sie!

Den Weg zu und mit Christus zeigt die Königin des Himmels und der Erde. Nicht ohne sie, nur mit ihr können die grundlegenden Probleme im eigenen Land gemeistert werden. Nur damit kann Bayern wieder zum Sauerteig der abendländischen Völkerfamilie werden und mitwirken an einem Europa, das vom Kreuz Christi und seiner Heilsbotschaft geprägt wird.

(Quelle: "Bote von Fatima" 5/2006, S. 72ff., Regensburg)


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